

KOLUMBIEN
2022 - Philipp Van der Poorten, Freie Vogtländer Deutschlands


Eine cabaña aus guadua
Nach fast 4 Jahren Reisezeit stellte ich mir die Frage, was mich wirklich noch interessieren würde, oder ob ich einen weiteren Corona-Lockdown erwartend einfach mal nach Hause gehe. Ich dachte mir, dass diese Pandemie keine Kontrolle über meine Reisezeit haben soll und entschied, Anfang des Jahres 2022 nach Kolumbien zu reisen. Da sich alle Pläne mit anderen Reisenden kurz vorher zerschlagen hatten, reiste ich zunächst allein mit meiner Freundin Lena – einheimische Maßschneiderin im FBS.
Das erste Reiseziel war klar, denn ihr Onkel Ste\en wanderte vor ca. 30 Jahren aus und baute zusammen mit seiner kolumbianischen Frau Lina eine ganzheitliche Organisation für Landwirtschaft in Permakultur und Umweltbildung (Fundación
Viracocha) auf. Nicht weit weit entfernt waren wir auf der privaten Finca in einem kleinen, aber feinen Tipi aus Bananenblättern untergebracht. Daran war zunächst nichts Ungewöhnliches, bis auf die kleinen oder größeren Vogelspinnen, die bei Regenwetter
gerne mal das Trockene suchten. Viel schlimmer waren allerdings die kleinen schwarzen Skorpione, welche man im Dunkeln wirklich schwer sieht und deren Stiche fantastische Schmerzen verursachen können. Letztlich gewöhnten wir uns aber an all die neuen Eindrücke und irgendwie sind so exotische Tiere auch ziemlich spannend anzusehen. Die ersten Wochen gingen mit entspanntem Urlaub ins Land. Entweder Tagesausflüge zu den etlichen Sehenswürdigkeiten in der Region oder mehrtägige Roadtrips zu gigantischen Wasserfällen, heißen Badequellen oder zum Sternegucken in die Wüste. Besonders hervorzuheben sind die Steinstatuen und megalithischen Tempel (Alter: von 200 vor bis etwa 700 nach Christus) der San-Augustin-Kultur. (https://de.wikipedia.org/wiki/San-Agustín-Kultur). Diese stehen in der archäologischen Zone San Augustin und spiegeln die Weltsicht der entsprechenden Völker. Sehr faszinierend sind die farbigen Bemalungen, welche ausschließlich auf Pflanzenbasis hergestellt wurden und sich noch immer im Originalzustand befinden.
Vom Guadua und seiner Ernte
Wahrscheinlich kann jeder Handwerker verstehen, wie sehr es nach 3 Wochen Urlaub in den Händen juckt, vor allem, wenn es einen neuen Baustoff zu entdecken gibt – und zwar Guadua (Bambus). Traditionell wurde in Kolumbien mit den mannigfaltigen Naturressourcen gebaut. Mittlerweile viel zu viel in hässlichem Beton. Von Ste\en lernte ich, dass Guadua nicht gleich Guadua ist. Erstens kommt es auf die Sorte an und dann besonders auf die richtige Ernte sowie Behandlung. Zwei Macheten, eine Motorsäge für den Notfall, Gummistiefel und dicke Handschuhe waren eingepackt und wir zogen los in den Guaduawald. Einen reifen Stamm erkennt man nach ca. sieben Jahren an den vielen Flechten, die auf seiner Rinde wachsen, wodurch er farblich viel blasser dasteht als die Jüngeren. Der Guadua besteht im Grunde aus vielen übereinanderstehenden und in sich geschlossenen, mit Wasser gefüllten Kammern. Gut vergleichbar mit einem Turm aus Büchsenbier. Im Laufe meiner Reise sind mir beide Verarbeitungsformen untergekommen und ich kann behaupten, dass die „ökologische“ auf jeden Fall weniger Kopfschmerzen verursacht als die industrielle. Bei der industriellen Methode wird nicht auf den Erntezeitpunkt geachtet, die einzelnen Kammern werden angebohrt, damit das Wasser abfließen kann, anschließend mit Gas gefüllt und wieder verschlossen. Mit der Zeit soll das Gas ins Material selbst einziehen und somit den gewünschten Effekt von längerer Dauerhaftigkeit erfüllen. Es ist unvermeidlich beim Verbauen des Guadua diese Kammern durch Sägen oder Bohren zu ö\nen, wodurch das Gas austritt und mit der Zeit ziemlich unangenehm riecht. Wenn man nicht aufpasst und das Material nicht ausdampfen lässt, bekommt man ziemliche Kopfschmerzen bis hin zu Kreislaufproblemen. Die ökologische Methode besteht in erster Linie darin, das Material weniger zu manipulieren und mehr natürliche Prozesse zu berücksichtigen. Geerntet wird um Neumond, egal welchen Monats, da Kolumbien äquatorial gelegen ist und sich die Witterung somit im Jahresgang, abgesehen von der Regenzeit, kaum verändert. Die Stämme werden möglichst bodennah geschlagen, sodass mindestens noch eine ganze Kammer stehenbleibt. Es ist darauf zu achten, dass die Kammerwände darüber keine Schale bilden, in der das Wasser stehen bleiben kann. Dieses fängt an zu faulen und schädigt somit den Wurzelkomplex des Guaduabestandes. Die geschlagenen Stämme werden leicht versetzt wieder auf den Stumpf gestellt und einen Monat lang stehengelassen. Das Aufrichten ist sehr einfach, da ein Guaduawald sehr dicht wächst, sodass die einzelnen Stämme beim Schlagen gar nicht erst umfallen. Dieser einfache Trick führt dazu, dass der Stamm unter Sonneneinstrahlung im kommenden Monat weiter Feuchtigkeit transpiriert und die Kammern trocknen, ohne angebohrt zu werden, da kein Wasser aus dem Boden aufgenommen werden kann. Wie Schnittblumen in einer Vase ohne Wasser. Dieser getrocknete Guadua kann nun aus dem Wald gezogen und entastet werden. Anschließend wird er in einem Tauchbad mit Borsalzen getränkt. Durch den Kapillare\ekt saugt sich das Material bis zum Fasersättigungspunkt selbst mit Borsalzlösung voll. Anschließend wird der Guadua wieder zum Trocknen an die Luft gestellt. Das Wasser entweicht und die Salzlösung verbleibt in den Fasern, welches vor allem gegen Holzschädlinge wie Insekten und Pilze vorbeugt.


Eine Cabaña am Hang
Nach sechs Wochen in den Bergen San Agustins reisten Lena und ich quer durchs Land an die karibische Küste. Tapetenwechsel mit Strand, Kokosnüssen, fetten Sonnenuntergängen und einem kleinen Rum zum Schnasseln waren unser Ziel. Wir landeten in einem Hostel nahe des berühmten Tayronaparks. Wie es der Zufall so wollte, erkannten die deutschen Besitzer meine Kluft und baten mich um Hilfe für anstehende Bauprojekte. Als ob das noch nicht genügte, tauchte am selben Tag ein Kuhkopppaar aus Deutschland auf, mit denen ich bereits auf der schachtübergreifenden Sommerbaustelle 2021 zusammen schanigelt hatte. Die Überraschung war groß und das Bier günstig, also planten Sanjita, Rasmus und ich kurzerhand alles Mögliche. Letztlich entschieden wir uns für eine Cabaña aus Guadua, Zapan und Monkoro. Letztere sind örtliche Tropenhölzer. Zapan hat ungefähr die Konsistenz von Alteiche und gilt als extrem witterungsbeständig. Monkoro hingegen ist einfach ein solides Bauholz. Am Sonntag zeichnete ich fix die Baupläne auf alten Karton vom Katzenfutter, sodass wir am Montag beginnen konnten mit der Schanigelei. Das gesamte Hostelgelände und somit auch unsere Baustelle befanden sich in absoluter Hanglage mit tollem Ausblick auf das karibische Meer. Ca. 40° Neigung stellten uns dann doch vor einige ungeklärte Fragen: Wie groß müssen die Fundamente sein und wie viele überhaupt? Was ist in der Regenzeit, wie viel Erde wird weggespült und wie viele Personen soll unsere Cabaña überhaupt aushalten können? Nach ausgiebiger Befragung des Bierorakels entschieden wir uns für ein Streifenfundament mit fünf Auflagern direkt am Weg und zwei großen Punktfundamenten im Hang. Unsere Hilfsarbeiter, die Primos, legten bei diesem Knochenjob ein beachtliches Tempo vor. Primos sind die Arbeiterklasse am Berg. Sie leben meist von der Tierhaltung und Landwirtschaft sowie allen Arten wirklich harter körperlicher Arbeit, für die man sie als Tagelöhner engagieren kann. „Ola, Primo!“ ist der alltägliche Gruß untereinander und bedeutet direkt übersetzt „Grüß dich, Cousin!“. Die Fundamentlöcher wurden gegraben und zum Glück hatte Sanjita zuvor in einer
Maurerfirma gearbeitet und wusste ziemlich gut, Bewehrung zu biegen. Als Schalung konnten wir Kunststo\wellplatten benutzen und nach der ersten Woche waren unsere griechischen Säulen fertig. Zweimal 200 x 50 cm nach dem Motto: „Viel hilft viel!“. Aus beiden Säulen ließen wir je vier Bewehrungsstahlstangen überstehen, an die wir am oberen Ende Ösen gebogen hatten. Diese rammten wir als Befestigung vom Fundament zu Stütze durch die unteren Knotenpunkte der Guaduastämme und gossen anschließend die betre\enden Kammern mit Beton aus. Diese vier Stützen pro Fundament, jeweils quadratisch aufgestellt, nehmen die Hauptlast des Gebäudes auf. Je zwei Stützen laufen über die Plattform hin-aus und bilden den Anschlusspunkt des ersten Sparrengebindes. Weiterhin schließen alle Streben der Plattform an diese Stützen an, aber Bilder sagen in diesem Fall mehr als Worte; also seht selbst.
Nach der zweiten Woche stand nun der Hauptbock inklusive beplankter Plattform. Wir entschieden uns, die Bodenbretter händisch zu nageln und hielten uns für superschlau, denn wer will schon drei Zentimeter Tropenholz mit Trockenbauschrauben fixieren?! Andere Schrauben zu besorgen, war eine Sache der Unmöglichkeit. Nach den ersten zehn krummen Nägeln mussten wir feststellen, dass die kolumbianische Stahlqualität o\enbar sehr zu wünschen übriglässt. Also vorbohren …, aber für Bohrer gilt dasselbe wie für Nägel. Ihr könnt euch also vorstellen, wie gut die Laune auf der
Baustelle war, nachdem wir hunderte Löcher mit stumpfen Bohrern in das Holz gebrannt hatten. Wirklich sehr belastend! „Geh auf Tippelei!“ haben sie gesagt. „Da lernst du was!“ haben sie gesagt.
In der dritten Woche passierte optisch am meisten, da wir endlich die Cabaña konstruieren konnten. Ein Abbund im Vorfeld fand nicht wirklich statt, eher eine gute Sortierung, um die Krümmungen bzw. Eigenschaften der Stämme zu nutzen oder zu verstecken. Et voilà: Fertig ist die Cabaña!
Stolz und froh verbrachten wir die folgenden Tage mit Motorradtouren durch die kolumbianische Wildnis und einem Paraglideflug durch die angrenzenden Berge. Meine Zeit der Abreise war gekommen, da mein Visum auf 90 Tage begrenzt war. Sanjita und Rasmus sind geblieben, um den Innenausbau fertigzustellen und die Cabaña vor neugierigen Blicken anderer Gäste zu schützen.
Es gibt zwei Arten Guaduaverbindungen herzustellen: entweder seitlich anschlagen und mit Gewindestangen verbolzen oder die boca de pescado – also Fischmäuler. Letztere sind viel schöner und bleiben als Verbindung in der gleichen Dimension, kosten aber je nach Anspruch unheimlich viel Zeit und Nerven. Für 90°- Verbindungen eignen sich Dosenbohrer im entsprechenden Durchmesser perfekt. Für steile Schmiegen hingegen hilft nur Augenmaß, anhalten und immer wieder anpassen mit Stichsäge und Winkelschleifer. Kosmetische Verbindungen können mit Holznägeln gesichert werden, statische Verbindungen müssen ebenfalls verbolzt werden. Generell sollten die Bolzen immer nah an den Knotenpunkten des Guadua gesetzt werden.
Je nach Zug- oder Druckbelastung unter oder über dem Knotenpunkt. Ein Bolzen mitten in der Kammer hält zwar auch, liegt aber zunächst nur auf den wenigen, tangierten Fasern. Diese Eigenheit des Materials führt zu einem ständigen Abwägen zwischen Stabilität, Ästhetik und Symmetrie des Baus. Eine gründliche Holzauswahl und Sortierung im Vorfeld sind also unerlässlich. Als Faustregel lässt sich festhalten, dass die Stämme mit den kürzesten Kammern bzw. meisten Knoten für statisch sehr beanspruchte Konstruktionselemente bevorzugt werden sollten.



Heiße Drinks und kalte Gefühle
An einem unserer freien Sonntage planten wir wie üblich eine Motorradtour durchs Hinterland: die sogenannte „Machete-Tour“. Ein wildes Unterfangen. Fünf Stunden über Stock und Stein, hoch – runter, Sand, Wasser, Staub und alles außer gute Straßenverhältnisse. So lautete zunächst der Plan, als unser Herbergsvater Einwände erhob, genau heute loszufahren, da Präsidentschaftswahltag sei. Wir sahen uns beunruhigende Livebilder der Ausschreitungen aus Städten an, waren aber guter Dinge, dass uns hier auf dem Ka\ nichts dergleichen erwarten würde, da wir nur ins nächste Dorf mussten, um dort auf unsere Route abzubiegen. Es muss gesagt werden, dass diese Präsidentschaftswahl eine sehr bedeutende war, da sich erstmals die gesamte Opposition des linken/demokratischen Spektrums organisiert hatte, um die geltenden unterdrückerischen und ausbeuterischen Strukturen der amtierenden rechten Regierung abzulösen. Große Themen wie Sozialversicherung, Ernährungssicherheit, Bildungsrecht, Reichensteuer standen im Raum. Wirklich kein Pappenstiel und etablierte Macht wird nur ungern abgegeben. Was das bedeutet, durften wir im nächsten Dorf mit eigenen Augen sehen, denn die Straße war durch einen umgekippten LKW blockiert und von bewaffneten Söldnern kontrolliert. Die Regeln waren eindeutig. Umkehren oder Tod und wir wollten wirklich nicht wissen, ob sie es ernst meinten. Zurück im Hostel waren wir ziemlich ratlos. Ebenso wie alle anderen Gäste, was nun das Richtige zu tun sei. Uns überkam ein wirklich belastendes Gefühl dort oben auf unserem Berg in Sicherheit zu sitzen, Füße im Pool, Cocktail in der Hand mit paradiesischer Aussicht aufs karibische Meer, während wenige Kilometer weiter Schießerei im Gange war. Sicherheit, was bedeutet das eigentlich und wie schnell ist es vorbei damit? Als Kind der 90er waren mir sogar Grenzkontrollen vor Tippelei ein Fremdwort. Gegen 14 Uhr stürmte die Polizei nach und nach die Dörfer an der Küstenstraße. Nachdem die Söldner ihren Auftrag, die Leute am Wählen zu hindern, sehr direkt umsetzten und kurzerhand die Wahlhäuschen in Brand setzten: keine Wahlurne, keine Stimmen, so einfach. Als o\iziell Entwarnung gegeben wurde, brachen wir doch noch zu unserer Tour auf. Besagtes Dorf sah abgesehen von vielen Scherben ziemlich normal aus. Leute trinken Bier in der Kneipe und schlendern die Straße entlang. Bizarr, aber ich konzentrierte mich einfach auf mein Motorrad und die Strecke. Allerdings drehen diese Ereignisse oft eine Extrarunde in meinen Kopf und lassen mich darüber sinnieren, wie sich wohl unsere europäische Situation weiterentwickelt. Wie dem auch sei, genieße ich meine Wanderschaft umso mehr und bin wirklich sehr froh Teil einer Tradition zu sein, die seit jeher für Freiheit, Gleichheit und Verständigung steht. Bitte lasst uns dies nicht aus den Augen verlieren und dafür einstehen, dass es noch sehr lange so weitergehen kann!


Zwischen Großstadt und Nationalpark
In meiner letzten Woche reiste ich entlang der Küste in Richtung Westen zum zweitgrößten Karneval Südamerikas in Barranquilla, um dort zwei weitere Reisende zu treffen. Zimmerer Fabian vom Rolandschacht und die freireisende Tischlerin Naima waren bereits vor Ort und wir verbrachten den Karneval nach guter Gesellenart bis in die Morgenstunden. Die hoch angepriesenen, tiefen kulturellen Hintergründe des Karnevals blieben mir jedoch verborgen, ebenso wie logische Coronamaßnahmen. In erster Linie war es ziemlich laut, bunt und einfach sehr viel von allem. Nach meinem Geschmack ist weniger oft mehr, aber das ist auch nur meine Meinung und die zu Tausenden tanzenden Menschen auf der Straße sehen das anders. Ich will den Karneval gar nicht schlechtreden, wir hatten definitiv viel Spaß, aber es war im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend. Auf jeden Fall war nach dem Wochenende ein Urlaub nötig! Verschiedene Menschen haben verschiedene Ziele, also brachen Naima und ich in Richtung Tayrona-Nationalpark auf, um etwas unberührte Natur zu genießen. Leider erkrankte ich an Corona und war somit ziemlich außer Betrieb. Dennoch ra\te ich mich am letzten Tag meiner Reise auf, dem Tayronapark doch noch einen Besuch abzustatten. Was für eine Wohltat an der frischen Luft, im Schatten der alten Bäume, freilebende A\en und Vögel
aller Art, aus nächster Nähe beobachten zu dürfen. Fantastisch gewachsene Baumhaine wechseln sich entlang der Küstenlinie mit weißen Sandstränden und heideartigen Landschaften ab. Wirklich echtes Seelenfutter und sicher eine bessere Genesung, als ständig an die Zimmerdecke zu starren. Den Rest des Tages verbrachte ich in der Hängematte, um Kräfte für meine Rückreise zu sammeln. Ich ließ meine Reise vorm inneren Auge Revue passieren und freute mich über die vielen schönen und oft extremen Erfahrungen, die ich in Kolumbien sammeln durfte.
Wahrnehmung der Kluft im Ausland bei extremer Witterung
Abschließend möchte ich noch ein paar Worte über die Wahrnehmung der Kluft im fernen Ausland verlieren. Sicher könnt ihr euch vorstellen, dass es nicht immer leicht war, bei so extremer Witterung die volle Kluft zu tragen. Oft fragte ich mich, wozu ich neben dem Gepäck vor allem mein Jackett kilometerweise durchs Land schleppe, bei Temperaturen weit über 30°C, von der Luftfeuchte ganz zu schweigen. Zum Dank fand ich es nach drei Tagen im Schließfach eines Hostels komplett verschimmelt vor. Ebenso alle meine Charlies. Die freudige Verwunderung über Vollkluft als Eisbrecher für Kontakte, wie ich es aus Europa kenne, blieb beinahe komplett aus. Ich erntete Blicke und Kommentare von der einheimischen Bevölkerung, die besagten: „Jetzt sind die Weißen völlig verrückt geworden!“ oder „Wer ist dieser schwitzende Vollfreak?“, nicht das, was man hören will. Ich musste mir einfach eingestehen, dass meine Kluft nicht für dieses Klima geschaffen ist. Mir ferner im Weg steht, bestimmte Ausflüge zu machen oder Sehenswürdigkeiten aufzusuchen, da ich der körperlichen Belastung müde bin. Immer stinkend und schwitzend irgendwo anzukommen ist einfach unangenehm. Im Nachtleben hingegen ein echter Hingucker, solang ich mich nicht bewegen muss. Da saß ich nun in meinem Dilemma aber einfach auf gemütlich machen und immer in Badehose reisen, konnte ich mir nun gar nicht vorstellen. Was haben wohl die Gesellen vor 50, 100 oder 200 Jahren in solch einer Situation getan? Keine Ahnung, konnte ja keinen anrufen. Eine eigene Entscheidung musste her! Vernunft vor Zunft erschien mir sinnvoll, aber wo ist da die Grenze? Bei jeder kleinen Widrigkeit einzubrechen ist sicher nicht mein Credo, daher bin ich im Nachhinein sehr zufrieden, es durchgezogen zu haben. Mir selbst bewiesen zu haben, dass ich dieses Maß an Disziplin aufbringen kann, fühlt sich einfach gut an. Sinnvoll oder nicht. Aber ich bin mir sicher, dass wir nicht auf ein über 800-jähriges Vermächtnis zurückblicken könnten, wenn wir immer voreilig gesagt hätten: „Ach, scheiß doch drauf!“.
Mit diesem Gedanken wurde der Reisealltag nicht angenehmer, aber ich hatte meine Motivation zum zünftigen Reisen neu entdeckt! Wenn es zu viel wurde, reiste ich eben zum Strand – wozu bin ich denn auf Tippelei?!
Bericht/Fotos:
Philipp Van der Poorten, FVD
Übersetzung:
Christine Hussel

HAUTE-VIENNE, Frankreich
2019 - Sylvain Chapelle, Fédération Compagnonnique

Eine der geschmiedeten Äxte

Der Heilige Eligius, Schutzpatron der Schmiede
Jedes Jahr im Monat November treKen sich an einem Wochenende Schmiede, seien es Profis oder Amateure, Zunftgesellen oder Laien, im Departement Haute-Vienne, in der Nähe von Chaptelat, dem Geburtsort ihres Schutzpatrons, um im geselligen Beisammensein Erfahrungen auszutauschen, verbunden durch eine gemeinsame Leidenschaft.
Für diesen Tag wird ein Arbeitsthema vorgegeben sowie ein Vortrag, welcher im Zusammenhang mit der Schmiedekunst steht. Diesmal stand das Motto Axt auf der Tagesordnung mit dem Anspruch, die Äxte noch bis zum selbigen Abend für Holzscheite eines „Schwedenfeuers“, das uns Wärme und Licht spenden sollte, gefertigt zu haben.
DIE FRANZÖSISCHE SCHMIEDEKUNST
Philippe Bachmair ist selbst ein herausragender Schmied, Compagnon, Träger des Titels „Bester Handwerker Frankreichs“, Schöpfer berühmter Baustellen von New York bis in die Emirate und zudem ein perfekter Lehrer: Er ist aktuell Ausbilder im Ausbildungszentrum in Périgueux. Zudem hat er das »Erbe« von Jacques Ambonati angetreten, der seinerseits verantwortlich ist für die Eisenwerkstätten der Stiftung Coubertin sowie als internationaler Berater die französische Schmiedekunst vertritt und eine historische bebilderte Abhandlung verfasst hat, die uns Philippe kommentiert.

Jugendstil-Gitter des Kunstschmiedes Émile Robert
Die Anfänge des Eisens sind hauptsächlich militärischer Natur: Es tritt die Nachfolge von Bronze in der Fertigung von WaKen an. Erst die Entwicklung der religiösen Kunst mit dem Christentum wird die Herstellungsformen vielgestaltiger werden lassen. Während der Romanik gibt es nur einige wenige Werkzeuge, das Eisen wird vorrangig zur Herstellung von Beschlägen und Gittern verwendet, geschweißt und genagelt. Nur wenige Beispiele sind uns davon überliefert …
Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert, also während der Gotik, findet eine große Weiterentwicklung statt; die meisten Werkzeuge werden erfunden: Bohrer, Gewindebohrer, Feilen usw. gesellen sich zu Hämmern, Amboss, Hohlmeißel, Stichel …
Das ist auch die Blütezeit der Prägungen: Die Enden der Eisenteile werden mit einer Form, Matrizen (Gesenk), geprägt, in Gestalt von Blattmustern oder Tiermotiven. Die Ornamentik wird vielgestaltig, die Schlösser werden immer kunstvoller, vornehmlich die Blend-oder Zierschlösser (ein Reliefmotiv erhält man durch das Übereinanderlegen von durchbrochenen Metallschildern). Das liturgische Mobiliar entwickelt sich: Lesepulte, Ambone (Bibeltische), Sitze usw., aber auch die Schmiedekunst für den zivilen Gebrauch, das Schmuckhandwerk … Die Schmiede vervollkommnen das Schmiedeeisen, den Stahl, durch das Puddelverfahren (mittels Zusatz kohlenstoKreicher Materialien, später von Steinkohle), und für die Montage der einzelnen Fertigteile inspiriert man sich bei den Zimmerleuten!

Aufgang der Treppenrampe des Schlosses Le Petit Trianon

Pierre Soulès beim Erklären
Während der Renaissance nimmt die Schmiedekunst im zivilen Gebrauch weiteren Aufschwung: Portale, Schutzgeländer, Fensterläden, Fackelträger und die Anfänge der öffentlichen Beleuchtung. Das zunehmende Reisen liefert zusätzlich fremde Einflüsse und Inspirationen …
Ein sehr schönes Beispiel für die Entwicklung der Schmiedekunst der damaligen Epoche ist der Brunnen im Schlosshof der Herzöge der Bretagne in Nantes: eine Mischung aus Treibtechnik und Prägung, was bereits als Vorläufer der Blecharbeiten angesehen werden kann.
Unter der Herrschaft von Louis XIII. kommt dann schließlich eine wesentliche Schöpfung der Schmiedekunst auf: das Treppengeländer. Zunächst handelt es sich noch um gerade, nicht gewendelte Rampen, die sich an den vormaligen Stein- und Holzbalustraden orientieren. Gleichzeitig werden Firmenschilder kunstvoll geschmiedet.
Zur Zeit Louis XIV. entwickelt sich dann die Kunst der geschmiedeten Geländer weiter: Die Durchmesser des verwendeten Metalls werden stärker, auch wird die Gusseisentechnik eingesetzt, um Formen herzustellen. Die gewendelte Treppe mit geschwungenem Geländer kommt auf; die Verzierung triumphiert über die Symmetrie, die Baluster werden durch eine Abfolge kleiner und großer Paneele ersetzt (was die Wendelung erleichtert); die Konsolenpfosten werden massiv, mit einem Zierwerk von Voluten versehen …
Zur Zeit Louis XV. wird der Stil noch beladener, reich an Vergoldung, aber gleichzeitig noch kühner; es gibt keine geraden Linien mehr, selbst Pfosten in dem Geländer sind nicht mehr zu erkennen. Ein bedeutender lothringischer Kunstschmied gibt dieser Epoche sein Markenzeichen: Jean Lamour (1698 – 1771), Schöpfer u. a. der berühmten Gitter der Place Stanislas in Nancy.
Unter Louis XVI. wird der Stil schwerfälliger und geometrisch, die griechische Antike steht hier Pate. Eine zusätzliche Schwierigkeit in der Ausführung der Rampen kommt hinzu: Sie sind alle aus geglättetem Eisen, d. h. der Querschnitt bleibt durchgehend quadratisch, ungeachtet jeglicher Krümmung im Grundriss! Wir verlassen nun die Zeit des „Ancien Régime“, um in die Moderne einzutreten: Das 19. Jahrhundert wird zur Blütezeit der Metallkonstruktion mit seinen ersten vollständig aus Metall gefertigten Bauten. Die Schmiedekunst gestaltet sich während des 1. Kaiserreichs schlichter, ohne Verzierungen, neo-klassizistisch während des 2. Kaiserreichs. Der Einsatz von Gusseisen setzt sich allgemein durch. Zwischen 1870 und 1900 erlebt das Schmiedehandwerk trotz der Schwierigkeiten im Nachkriegsfrankreich einen großen Aufschwung; in allen Garnisonsstädten werden zum Beispiel Musikpavillons gebaut.
In der Wende zum 20. Jh. findet der Jugendstil eine neue und geschmeidigere Formensprache, maßgeblich unter Einfluss des Belgiers Victor Horta, dann unter dem Franzosen Hector Guimard (Schöpfer der berühmten Pariser Metroeingänge) oder schließlich des Katalanen Antoni Gaudi. In Frankreich tritt besonders die Schule von Nancy hervor und wird zum Vorreiter dieses Stils, den die Dominanz von Pflanzenmotiven auszeichnet. Schließlich soll New York mit der Stilrichtung des „Art
déco“ den Ton angeben, alles wird aus gemustertem Metall und erneut unter Rückgriff auf wesentlich geometrische Formen gestaltet.

Romanische Abtei von Conques
Die Zuhörer, alle begeisterte Schmiedekunstliebhaber, haben diese kulturellen Einlage sehr geschätzt und Philippe Bachmair gedankt, seinen Wissensschatz mit ihnen geteilt zu haben, um sich danach, sicher bereichert durch die neuen Inspirationen, wieder dem praktischen Thema dieses Wochenendes zuzuwenden: dem Schmieden von Äxten und kleinen Beilen.
„Lasst die Glocken erklingen!“
Das ist der Lieblingsspruch des Compagnon Pierre Soulès, der eine der Stützen dieser herbstlichen TreKen ist. Das Glockenspiel meint hier das AufeinandertreKen des Hammers mit dem Amboss: Das Schmieden ist eine sehr klangliche Arbeit und Pierre zögert nicht, die musikalische Seite seiner Arbeit hervorzuheben. Er, der stets bemüht ist, seine Leidenschaft anderen zu vermitteln, kleine und große Teilnehmer in die Schmiedekunst einzuweihen, hat dabei selbst keine Zeit, seine eigene Axt zu schmieden.
Um die mobilen Schmieden und Ambosse sammeln sich kleine Gruppen, völlig zwanglos zusammengestellt, weil das Schmieden vorrangig eine gemeinschaftliche Arbeit ist (zumindest, wenn kein mechanischer Schmiedehammer zur Verfügung steht): Manchmal muss ein Teilnehmer ein Bohr- oder Schneidewerkzeug halten, während ein anderer mit dem Handhammer oder Vorschlaghammer schlägt, und wa- rum nicht gleichzeitig zu mehreren, wenn man rechtzeitig fertig werden will? Diese physischen Arbeitsgänge werden regelmäßig unterbrochen vom notwendigen Wiedererhitzen des Eisens; es muss rot, orangefarben, gelb sein, um ausgeschmiedet zu werden. Denn das Schmieden ist nicht nur Musik, sondern es ist auch ein bildliches Kunsthandwerk!
Mehrere Äxte werden an diesem Wochenende geschmiedet, nach unterschiedlichen Methoden, zum Beispiel im Einstielen der Axt, im direkten Bearbeiten eines harten Stahls oder in der Herstellung eines Axtkopfes aus weicherem Stahl mit einer Schneide aus mehrlagigem Stahl …
Natürlich war gab es als letzte Zutat zu diesem gelungenen Wochenende einige zünftige Schlemmereien, wofür ein anwesender Bierbrauer, ein Bäcker, einige Jäger, und phantasievolle Köche und Köchinnen sorgten. Ein großes Dankeschön gilt den Organisatoren Monique und Pascal Dumont, dem Referenten Philippe Bachmair und den Schmieden, die ihre Leidenschaft mit uns teilten.
Bericht:
Sylvain Chapelle, Fédération Compagnonnique
Fotos:
©Trizek, ©Touf, ©Jean-Pierre Dalbéra
Übersetzung:
Christine Hussel

FÄROER-INSELN
2019 - Jonathan Miranda, Fédération Compagnonnique


Reihe von Bugspanten
Restaurierung des Segelschiffs Norðlýsið in Tórshavn. Aus alt mach neu!
Ich kam im Januar 2019 zum ersten Mal auf die Färöer, wir hatten während der Jahreshauptversammlung der CCEG von einem Unternehmen gehört, das auf der Suche nach Arbeitskräften war, so kamen wir in Kontakt mit dem Naver Jørgen Christiansen. Ich habe dort Anfang 2019 für drei Monate mit dem Compagnon Timothy Harter gearbeitet, dann noch einmal für drei Monate Ende 2019 mit einem Freund und ich bin im April 2020 mit einem anderen Compagnon zurückgekommen. Nachdem ich einige Monate auf einer großen Baustelle für Wohnungsbau gearbeitet hatte, hörte ich von der Restaurierung des Schiffs ,Norðlýsið‘. In Tórshavn, der Hauptstadt der Färöer, restaurierte das kleine Unternehmen Batasmið in der Mest-Werft das berühmte Schiff ,Norðlýsið‘, was im Färöischen Nordlicht bedeutet. Dieses alte Schiff war 1945 auf der Mest-Werft als zweites Schiff, das von dort kam, gebaut worden. Ursprünglich war es für den Handel mit England bestimmt, der aufgrund der Risiken während des Zweiten Weltkriegs sehr lukrativ war. Das Ende des Krieges bedingte eine Kursänderung: Ursprünglich als Fischerboot mit Motor ausgerüstet, wurde es 1984 zu einem touristischen Segelboot umgebaut, das Touren vor den 18 Inseln der Färöer anbot. 2018 wurde es dann vom Unternehmen Thor gekauft, welches seinerseits zusammen mit der Firma Batasmið einige äußerst notwendige Restaurierungsarbeiten durchführte.

Kalfatern der Heckplanken
Die Arbeiten, die eigentlich 3 Monate dauern sollten, nahmen mehr als ein Jahr in Anspruch; sobald die erste Beplankung entfernt war, wurde das Ausmaß der Schäden sichtbar: Zahlreiche Spanten waren verrottet wie auch eine gewisse Anzahl von Planken im Inneren, ebenso die Inneneinrichtung, die an vielen Stellen keine Luftzirkulation zuließ, sowie das Vorhandensein einer inneren ,Beplankung‘, die zweifelsohne der besseren Lagerung von Fisch dienen sollte. Bei der ersten Nutzung stellte dies aufgrund der großen Menge an Salzwasser, das die verschiedenen Bereiche benetzte, kein allzu großes Problem dar, aber als das Boot in ein Touristensegelboot umgewandelt wurde, kam es nicht mehr in Frage, die Spanten im Inneren mit Salzwasser zu benetzen.

Modellierstab, Kalfateisen und Werg

Das Segelschiff im Bau befindlich, 1945
Guðmundur Sjurðarson Norðbuð, der ,Patron‘ der Firma Batasmið (im Frz. ,singe‘, ,Affe‘, heißt in der Sprache der Compagnons sowohl ,Alter Hase‘ als auch ,Patron‘, Anm. Übers.), musste nach dem einfachen Austausch einiger Planken die gesamte Heckbeplankung und einen Teil des Decks sowie viele Spanten ersetzen. All dies mit Hilfe von Fridjoft S. Eidsvold, einem norwegischen Schiffsbauer, Eirikur Nybo A. Klet, einem färöischen Arbeiter, Thomas Findrup, einem dänischen Wikingerschiffbauer, der einige Wochen bei uns verbringen sollte, sowie einem weiteren dänischen Arbeiter, der im August vor meiner Ankunft abgereist war, was mir die Möglichkeit gab, den freien Platz auf der Werft zu übernehmen.
Als ich ankam, waren alle morschen Planken bereits ersetzt worden, ebenso wie einige Querbalken und eine große Anzahl von Pinnenauslegern. Mein Einsatz bestand zunächst darin, einige kleine Elemente zu ersetzen, die zum Aufrollen der Seile dienten, oder ,Bänke‘ im Heck, die ein Metallelement zur Halterung der Masten verstärkten. Ferner war meine Aufgabe, eine große Anzahl von Metallbolzen zu vernieten, die die Beplankung und viele andere Elemente halten sollten, aber auch die Planken zu hobeln, um die Fugen der Beplankung zu verbinden und den gesamten Rumpf zu glätten, dann mit Hanffasern zu kalfatern (verdichten), die zwischen jede Beplankung geschoben (,verstemmt‘) und mit Teer verschlossen wurden. Eine körperliche und schmutzige Arbeit, weit entfernt von dem Bild, das man sich unter freiem Himmel vorstellt, wenn von Segelbooten die Rede ist, aber eine einzigartige und spannende Erfahrung. Schließlich habe ich kurz vor meiner Abreise noch den Innenausbau der Bänke und die Inneneinrichtung vorgenommen. Eine eher ungewöhnliche Arbeit für einen ,Wolfshund‘ (Anmerkung der Übersetzerin: im Frz. ,Chienloup‘, ,Wolfshund‘, bezeichnet in der Compagnon-Idiomatik einen Zimmermann, Mitglied der Fédération, welche nach 1945 aus der Fusion zweier Gesellschaften entstanden ist), voller Geschichte und Erinnerungen – und daran teilhaben zu können, wird für mich ein großes Glück bleiben! Seit Mai ist die ,Norðlýsið‘ wieder in den färöischen Fjorden unterwegs.

Nach der Fertigstellung der ,Norðlýsið‘ habe ich mich wieder meiner üblichen Tätigkeit zugewandt, der Zimmerei an Land, aber für die Zukunft hebe ich mir noch einige maritime Projekte auf. Und es wäre mir eine Freude, euch einmal auf den Inseln begegnen zu können!
Bericht:
Jonathan Miranda, Provençal le Franc Cœur
Fotos:
Guiseppe Funnone und Ophelie Giralt
Übersetzung:
Christine Hussel

FEUERLAND
Benedikt Maria Schuster, Rolandschacht

Ans Ende der Welt – der Arbeit wegen?
Feuerland – was für ein Name. Rein davon ausgehend, rechnet man mit Vulkanen, unerträglicher Hitze oder sengender Sonne. Dabei hat die Betitelung dieser Inselgruppe einen profanen Ursprung. Die ersten Europäer, die sich bis dahin vorwagten, sahen schon von ihren Schiffen aus in den Siedlungen der Küste entlang zahlreiche Feuer. Der Grund war simpel: Die Ureinwohner wollten sich vor der Kälte und dem omnipräsenten Wind schützen. Somit gaben die Europäer dem Eiland den Namen Tierra del Fuego – Feuerland.
Warum in aller Welt sollte man einem solchen Ort einen Besuch abstatten, noch dazu auf Wanderschaft? Weil es sich ganz einfach lohnt! Nicht nur, da sich eine einzigartige Natur auf der zu Teilen chilenischen und argentinischen Inselgruppe vorfindet, sondern auch weil man als reisender Geselle mit etwas Glück zu sehr interessanter Arbeit kommt.
So erging es dem fremden Rolandsbruder Jonathan Wertmann und meiner Wenigkeit. Nachdem wir vorher den nördlichen Teil Argentiniens, ganz kurz Paraguay und Brasilien sowie Santiago de Chile bereist hatten, fiel die Entscheidung, die südlichste Stadt des Erdballs zu besuchen. Dies ist Ushuaia, gelegen am Beagle-Kanal und Ausgangspunkt für zahlreiche Antarktisexpeditionen. Wir kamen bei 9°C und deckel-entreißenden Winden auf der Insel an und machten uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Da es Mitte Januar war, gestaltete sich das Unterfangen als weitaus schwieriger als gedacht. Das ist die Hauptsaison für Touristen und die argentinischen Sommerferien – da ist nicht mehr viel Platz frei.
Nachdem uns diverse Hostels eine Absage erteilt hatten, kam uns Freund Zufall zu Hilfe. Wir wurden angesprochen. Aber auf Deutsch! „Was denn zwei Zimmerleute hier machen würden“, fragte uns ein Mann. Er stellte sich als Pablo vor, geboren auf Feuerland, verheiratet mit einer Deutschen und Fremdenführer. Wir erzählten ihm von unseren Plänen und der momentanen Unterkunftsmisere. Sofort bot er uns ein Zimmer in seinem Haus an und spendierte uns mit seinem Auto noch eine kleine Rundfahrt durch die Stadt. Beim Abendessen stellte sich heraus, dass seine Frau dem Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschunterricht gab. Dieser hat zwar deutsche Wurzeln, durfte aber mit Beginn der Schulzeit nur noch Spanisch sprechen. Aber eben dieser Konsul besitzt eines der größten Bauunternehmen in Ushuaia und die beiden waren sicher, dass für zwei Zimmerleute Arbeit zu finden sei.

Ja, hier weht der Wind…

Bild mit dem deutschen Honorarkonsul auf Feuerland
Am nächsten Tag schauten wir beim Konsul vorbei und dieser zeigte sich begeistert. Deutsche Zimmerer bei ihm, und die wollen auch noch arbeiten! Stolz führte er uns über sein Firmengelände, das zwei große Holzwerkstätten mit diversen stationären Maschinen, ein großes Holzlager und eine eigene Trockenkammer besitzt. Zusätzlich vermietet er noch Ferienhäuser im viktorianischen Stil. Nachdem wir auf unserer bisherigen Reise schon einige schier unglaubliche ,Baukünste‘ der Argentinier und Chilenen bewundern konnten, war dies ein willkommenes Kontrastprogramm.
Dann zeigte er uns sein neuestes Projekt auf dem Gelände, eine große Garage. Dafür fehlten noch die Tore und somit stand unsere Aufgabe fest. Am nächsten Tag begannen wir unsere Arbeit, eine Skizze wurde uns bereitgelegt, über alles andere hatten wir freie Hand. 3 Tore sollten es werden, 2,60 m breit und unterschiedlich hoch, da es dort unten so üblich ist, die Bodenplatte mit Gefälle zu bauen (Der Sinn blieb uns allerdings verborgen.). Das Holz, das auf Feuerland und in großen Teilen Patagoniens verwendet wird, nennt sich Lenga, auch Südbuche.
Die Verwendungszwecke sind sowohl im Baubereich als auch im Möbelbau. Witterungsbeständigkeit, da gerbsäurehaltig, mittlere Faserlänge und Farbtöne von hellem Rot bis zu Grün kennzeichnen das Holz. Außerdem ist es recht feinjährig gewachsen.
Während einer von uns aus dem Lager die passenden Hölzer zurechtlegte, konnte der andere mit dem Abrichten beginnen. Als wir damit fertig waren, ging es ans Dickenhobeln. Danach teilten wir uns arbeitsmäßig auf. Jonathan fräste und verleimte die Bretter für die Füllungen, ich begann mit dem Ablängen der Zargen und der Ausarbeitung der Zapfen. Danach mussten die Zapfenlöcher angerissen und ausgearbeitet werden. Dies geschah an einem abenteuerlichen Langlochbohrer, der an die Welle der Dickenhobelmaschine gekoppelt war. Ein Fest für jeden BG-Kontrolleur …

Verleimen mit minimalem Zwingeneinsatz

Südlichster Punkt des südamerikanischen Kontinents
Jonathan konnte in der Zwischenzeit mit dem Schleifen der Füllungen beginnen. Es ging voran und so war es möglich, das erste Segment eines Tores zu verleimen. Da ein eklatanter Mangel an funktionierenden Zwingen vorherrschte, mussten wir mit einem improvisierten Gestell und Keilen arbeiten, aber wir meisterten diese Hürde. Ähnlich erging es uns mit dem Verleimen der ersten beiden Segmente zum ersten Tor.
Da es in diesem Betrieb Usus ist, die Zapfen nochmals mit Holznägeln zu sichern, wurden noch Löcher gebohrt und Holznägel gefräst. Das überraschte uns dann schon sehr, da es hier keine Fertigteile gab, sondern alles selbst gemacht werden musste. So langsam nahm das erste Tor Gestalt an. Die Füllungen wurden eingepasst und die Leisten sowie die Zierkreuze angefertigt. Unnatürlich für uns Zimmerer waren die vielen Schleifarbeiten, doch man ist ja flexibel und kann sich an neue Arbeitsabläufe einstellen. Wir arbeiteten uns voran, bis letztendlich die drei Tore entstanden waren.
Insgesamt haben wir gut zwei Wochen in dem Betrieb gearbeitet und dort interessante Erfahrungen gemacht. In den heimischen Werkstätten wird wohl nirgends mehr so geschafft, aber es war großartig, bis auf die Schrauben und den Leim wirklich alles selbst hergestellt zu haben.
Danach war die Lust aufs Reisen wieder geweckt, so machten wir uns auf in Richtung Norden, um noch mehr von Feuerland und Patagonien zu sehen. Das Trampen gestaltete sich allerdings äußerst zäh, denn anscheinend war den argentinischen Autofahrern die Kluft nicht so wirklich geheuer. Das andere Problem sollten dann die Wetterkapriolen und die kaum vorhandenen Unterstandsmöglichkeiten bei Regen oder prallem Sonnenschein sein. Aber irgendwie kamen wir vorwärts, ein Pärchen im roten T2-Bus brachte uns nach 2 Tagen des Wartens langsam, aber unaufhörlich in Richtung Norden. Uns stand nämlich noch ein weiteres Abenteuer bevor.
Nachdem wir mit Ushuaia die südlichste Stadt der Welt bereist hatten, war unser nächstes Ziel, den südlichsten Punkt des Festlandes zu bewandern. Dieser liegt an der Magellanstrasse und wurde in den achtziger Jahren sogar vom damaligen Papst Johannes Paul besucht. Allerdings mit dem Hubschrauber, und bald sollte uns klar werden: Das wäre um einiges einfacher gewesen, als auf Schusters Rappen dieses abgelegene Stück Erde aufzusuchen. Uns erwartete nämlich nicht, wie im Wanderführer angegeben, eine relativ anspruchslose 5-Tageswanderung mit der Querung von drei kleinen Bächen, sondern eine echte Herausforderung.
Felsige Strandabschnitte mit Klettereinheiten über Steine und umgestürzte Bäume, Hochmoore, Passagen mit Ab- und Aufseilen und Schwimmen mit Gepäck im eiskalten Wasser, alles war geboten. Das alles unter dem Druck, dass der nach den Angaben im Buch gekaufte Proviant vielleicht doch nicht mehr reichen könnte, wenn wir zu lange brauchten. Ach ja, und der südlichste Punkt ist im Übrigen auf einem Berg. Der auch sumpfig ist. Ganz toll. Da brachte selbst die atemberaubend schöne Landschaft nur in den wenigsten Fällen erfreuliche Ablenkung. Doch wir meisterten die uns selbst aufgebürdete Last und nach der Rückkehr in die Zivilisation aßen wir das wohl beste Steak auf der ganzen weiten Welt.
Jetzt, nach einigem zeitlichen Abstand kann ich aber sagen: Es war eine unvergessliche Wanderung im Nichts, und wir beide waren wohl die ersten Wandergesellen, die sich bis zu diesem Ort vorgewagt haben. Außerdem konnten wir Delfine, Wale, Seelöwen, Robben und Adler in freier Natur bewundern, das entschädigt dann doch für einiges.

Der Perito-Moreno-Gletscher
Unsere weitere Reise führte uns noch zum Perito-Moreno-Gletscher, an den Lago Carrera und zu guter Letzt wieder zum Ausgangspunkt unserer Reise, Buenos Aires. Von dort aus ging es nach drei intensiven Reisemonaten wieder nach Deutschland.
Bericht und Fotos:
Benedikt Maria Schuster, fremder Rolandsbrüder
Übersetzung:
Hannelore Imig

